Pistole Webley & Scott im Kaliber .455 Webley + Scott, Modell Marine

Die erste Selbstladepistole in der britischen Armee.


Geschichte


Um die Jahrhundertwende begannen einige Staaten die Revolver ihrer Armeen gegen die bereits erfundene Selbstladepistole auszutauschen.Vorreiter waren hier unter anderem Deutschland und die USA. Einige Staaten trauten der neuen Technik noch nicht und sahen in einer Umrüstung vom Revolver auf eine Selbstladepistole keinen Vorteil. So auch in England am Anfang des 20. Jahrhunderts. Offiziere waren noch feldmäßig mit einem Säbel und einem Revolver bewaffnet, wobei der Revolver als defensive Bewaffnung angesehen wurde. Diese konservative Sichtweite war auch noch in Frankreich und Russland verbreitet. Anders dagegen war man bei der britischen Admiralität darauf bedacht, dass Offiziere entsprechend dem besten technischen Stand bewaffnet waren. Einen Säbel für Marineoffiziere im Gefecht hätte bei einem Einsatz auf meist gepanzerten Schiffen wenig Sinn gemacht. Die Zeit wo Schiffe noch geentert wurden, war spätestens seit der Bewaffnung mit Repetiergewehren endgültig vorbei. Die Feuerkraft von Mauser-Pistolen beim Boxer-Aufstand in China hatte sich herum gesprochen und die Admiralität veranlasste technische Forderungen aufzustellen und entsprechende Tests durchzuführen.

England versuchte mit der Entwicklung von Selbstladepistolen anderer Staaten mitzuhalten. Nachdem die Entwicklung und Produktion der Mars-Pistole fehlgeschlagen war, beschäftigte sich John William Whiting, 1903 Chefkonstrukteur und späterer Direktor von Webley & Scott mit der Entwicklung von Selbstladepistolen. Nach verschiedenen komplizierten Prototypen kam 1906 eine vereinfachte Version der Selbstladepistole im Kaliber .455 auf den Markt. Das Modell 1906 kann als direktes Vorläufermodell der späteren Marine-Webley gelten. Ab 1909 wurde dann die kommerzielle Ausführung der Marine-Pistole produziert.

Am 19. Mai 1913 führte die britische Marine die Webley & Scott Pistole als „Pistol, Self Loading, .455 Mark I“ für Marine und Marineinfanterie ein. Die neu eingeführte Marinepistole soll bei ihren Benutzern nicht besonderes beliebt gewesen sein. Man hing zu sehr an dem traditionsgemäß als Seitenwaffe zur Verfügung gestellten Revolver. Auch das schwere und etwas unhandliche Format der Pistole, mit wenig Deuteigenschaft durch das gerade Griffstück, förderten nicht das Image der Automaticpistole. Obwohl die Pistole ohne Anfangsmängel zu haben einwandfrei funktionierte und schoss, wurde bei Ausbruch des I. Weltkrieges die Produktion der Pistole wieder eingestellt. Die freiwerdenden Kapazitäten der aufwendig zu produzierenden Pistole sollten für den einfacher zu fertigenden Revolver genutzt werden, von dem nun schnellstens große Mengen fürs Heer gebraucht wurden.

Obwohl die letzten Pistolen bis 1918 gefertigt sein sollen, wurden vorhandene Pistolen auf den Schiffen bis in den II. WK benutzt.

Technik

Wie alle Webley-Pistolen besitzt auch die Marine-Webley die charakteristische Form dieser Waffen. Diese Pistole galt als die schwerste Armeepistole der letzten 90 Jahre. Die Pistole besitzt 2 Magazinlöcher in dem der Magazinhalter einrasten kann um als Einzellader verwendet werden zu können. Das erste Loch hat die Aufgabe, dass Magazin weit genug vom Schlitten entfernt zu halten, damit keine Patrone automatisch zugeführt werden kann. In der Funktion als Einzellader wurde die Patrone per Hand ins Patronenlager geführt und der Verschluss durch Betätigung des Fangknopfes geschlossen. Nach Abgabe eines gezielten Schusses blieb der Verschluss offen und das gefüllte Magazin konnte bei Bedarf in die zweite Raste geschoben werden. Dann standen die 7 Patronen Magazinkapazität automatisch zur Verfügung. Aus heutiger Sichtweise scheint so eine Einrichtung für Einzelfeuer, wie bei vielen der ersten Mehrladerepetiergewehren dieser Zeit, keinen Sinn zu machen. Das Magazin war aus besonders starkem Blech gefertigt und dürfte auch eine unsachgemäße Behandlung ohne Schaden überstanden haben. Die Verriegelung der Pistole zeigt Ähnlichkeiten mit dem Browningsystem. Von Konstrukteur Whiting wurde die Verbindung zwischen Lauf und Schlitten durch eine Stufe auf dem vierkantigen Ende des Laufrohres hergestellt, die in die Auswurföffnung einhakt. Die notwendige Bewegung zum Entriegeln werden durch 45 o schräge Nuten im Gehäuse und korrespondierende Leisten auf dem hinteren Laufende erzeugt. Beim Schuss gleiten Rohr und Schlitten zurück, wobei das Rohr auch noch eine Bewegung nach unten ausführt und somit die Verriegelung aufhebt. Der Schlitten gleitet alleine weiter zurück und spannt Hahn und Rückholfeder und wirft die leere Patronenhülse aus. Als Sicherung dient alleine eine automatische Handballensicherung. Da der Schlagbolzen aber „schwimmende“ lagert, kann der Hammer auf der geladenen Kammer ruhen. Nach Testergebnissen soll sich ein unbeabsichtigter Schuss erst lösen, wenn die Pistole aus einer Höhe von ca., 7 Meter im richtigen Winkel auf einen Stein fallen würde. Die Visierung besteht aus einem auf gelöteten Rechteckkorn und einem seitlich verstellbarem Kimmenblatt.

Eine ungewöhnliche Konstruktion der besonderen Art für eine Automatikpistole stellt die V-förmige Blattfeder im Griffstück der Waffe dar. Die sehr starke Feder überträgt ihre Kraft über einen Hebel auf den Schlitten. Anscheinend entschied sich Whiting für die in englischen Revolvern traditionsgemäß verwendete Blattfeder um Gewicht an der ohnehin schon sehr schweren Pistole zu sparen. Gerade diese starke V-Blattfeder im Griffstück, verlagert nach rechts in die gehöhlte Griffschale führte immer wieder dazu, dass die per Hand ausgehöhlte rechte Hartgummigriffschale im Laufe der Zeit wenn sie spröde wurde durch die starke Feder im Bereich des Abzuges beschädigt wurde. Sehr häufig findet man die heute selten gewordene Sammlerwaffe mit Schäden an der rechten Griffschale. Der klobig steile Griff der Webley eignet sich schlecht für den schnellen Deutschuss. Dennoch soll die Pistole aufgrund ihrer sehr sorgfältigen Verarbeitung zu Friedenszeiten recht gut und infolge der großen Masse weich schießen.

Eine genaue Anzahl der produzierten Pistolen ist nicht bekannt. Nach vorsichtigen Schätzungen sollen insgesamt ca. 100.000 Stück der Marine-Webley gefertigt worden sein. Die an die Marine gelieferten Pistolen wurden neben der Beschriftung zusätzlich mit einem „N“ für Navy gestempelt. Auch wieder nur geschätzt soll es von diesen Waffen nur 6000 – 7000 Exemplare geben. Die kommerzielle Produktion überwiegte deutlich.

Text u. Bilder Friedhelm Weitz



Geschichte Techn. Daten Bestempelung Literatur Zum Anfang